Wenn aktuell im TV-Schlachtschiff „Tatort“ ein Regentropfen im Ultra-Zoom auf dem Augapfel der Toten landet und wie feinster Sprühregen aus der Sprinkleranlage von dort wieder abprallt, fragt sich die geneigte Zuschauerin mittlerweile schon recht routiniert, ob diese Perfektion wohl KI-generiert ist. Und der Hase, der ebenfalls in Großaufnahme an der Leiche schnüffelt und gemächlich von dannen hoppelt? Saßen da ein Regieassistent und eine Tierwohl-Beauftragte stundenlang mit einer Möhre im Regen, um die Aufnahme zu bewerkstelligen? Oder wurde auch sie bei einer Tasse grünem Tee mit künstlicher Intelligenz aus Pixeln geformt? Fragen wie diese braucht sich bei dem im August 2026 u. a. auf der US-amerikanischen Streamingplattform Roku gestarteten Kanal „Fairground AI Creator TV“ niemand mehr zu stellen. Denn hier läuft 24/7 ein komplett KI-generiertes Programm, beworben als „all-new original series, films, and shorts from the world’s best AI storytellers“. Die Buchstaben „ai“ in Fairground sind türkis abgehoben, sodass auch der letzte Dödel kapiert, worum es hier geht. Gefeiert wird das kostenlos zugängliche Angebot vom Betreiber Fairground Entertainment selbst als eine Art Spielplatz der Kreativität, auf dem sich über 100 KI-Kreatoren aus über 40 Studios austoben dürfen. Zielsetzung: Die Steven Spielbergs und George Lucas‘ von morgen zeitnah herauszudestillieren. Nur dass „Fairground“ eben nicht Spielplatz sondern Rummelplatz bedeutet und das trifft den Kern der Sache schon eher.
Rummel, Rummel – Mors, Mors

Waberndes Riesenauge in Avocadoschale: Screenshot aus der Fairground-Eigenproduktion „For the Brave“
Wer nämlich die Online-Plattform Fairground TV ansteuert, kann sich schon einmal einen Eindruck verschaffen vom Kanalprogramm, das aus Deutschland nur via VPN zu empfangen ist. Erster Eindruck: Geplant wirkt hier wenig. Die Programmkacheln zeigen Western neben Fantasy, Science Fiction, Anime, Horror, History Dramen, Crime und knuffigen Animationsformaten à la Pixar. Wiederholt tauchen die Begriffe „Surreal“ oder „Bizarre“ in den Film- und Serientiteln auf, was Sinn ergibt, denn die Storys wirken sowohl überdreht als auch altbekannt. Die AI-Kreativen haben zwar aus den vollen geschöpft, Menschen vor wabernden Riesenaugen, makellose Gladiatoren, irre Clows und humanoide Zukunftswesen prägen das Bild. Wer tiefer einsteigt, sieht, dass Genres gern mal verquirlt werden. So reicht es nicht, dass im Western „The Sage“ neben Cowboys auch Untote durch die Prärie wanken. Es muss auch noch eine Fantasy-Elfe à la Pocahontas auftauchen, um den Protagonisten aus dem Staub aufs rettende Pferd zu ziehen.

Lichtstimmung und Gesicht von Donald Sutherland könnten aus dem Western-Klassiker „Forsaken“ stammen. Sind aber der Serie „The Sage“ des AI-Studios Phantom X aus Los Angeles entnommen
Fragwürdig auch, dass einer der Charaktere unverkennbar die Züge der Golden Globe und Oscar gekrönten Schauspiel-Legende Donald Sutherland trägt. Der ist zwar 2024 gestorben und kann keinen Einspruch mehr erheben. Doch es ist schwer vorstellbar, dass seine Wiederauferstehung im faken Trash-Western die Zustimmung seiner Nachfahren findet. Oder ist die gar nicht mehr nötig, wo die Urheberrechtslage nebulös geworden zu sein scheint?
Hysteriker in Puschen

Dreitagebart-Darren mit Augenringen und KI-Menschenfresser aus dem Clip „Clickbait“ der Uncanny Harry Productions
Überhaupt: Was ist mit Datenschutz und Persönlichkeitsrechten? Das Gruseln, dass einen angesichts des wabernden Synthetik-TVs immer mal wieder befällt, nimmt der Kurzfilm „Clickbait“ auf Fairground TV gleich mal selbst aufs Korn. Wir sehen eine männliche Couchpotatoe vor laufendem Fernseher neben seiner Frau sitzen, beide mit mobilem Second Screen vor der Nase. Normaler Montagabend eben. Er kann sich nicht verkneifen, auf eine Horror-Anzeige zu klicken und wird mitsamt Frau und Gardinenlandschaft in eine synthetische Welt gezogen, von der zeitgleich im TV berichtet wird. Als er ihr von seiner Entdeckung zu erzählen versucht, behandelt sie ihn wie einen Spinner. „Hast du das gesehen?“, fragt er und hält ihr sein Tablet hin, auf dem die Beiden öffentlich im heimischen Wohnzimmer zu sehen sind. Sie, genervt: „Ja, Darren. Das nennt man Internet.“ und ergänzt: „Stop being so bloody weird.“ Der Weirdo ist also nicht mehr das generierte Monster im TV sondern der Puschen tragende Ehemann, den, ganz wie jüngst die geschlossene KI-Elite, angesichts der Zerstörungskraft einer entfesselten „Superintelligenz“ Hysterie befällt. Darrens Augen werden am Ende zwar von einer – absichtlich? – lächerlich schlampig generierten KI-Kreatur zum Bluten gebracht. Doch das wirkst so extra-absurd, dass man sich schon wieder beruhigt zurücklehnen will. Und am Ende geht es ja genau darum.
Gaming gestähltes Erzählen

Auf maroden Stromkabeln zwischen Hochhausschluchten dahin eilende Heldin aus dem Clip Reboot von dem Tokioter AI-Kollektiv Kraq Void. Auch hier winkt heftig die immerhin 30 Jahre alte Ästhetik des Films „Das fünfte Element“ um die Ecke
Den Formaten ist jedenfalls unisono anzusehen, dass die Macher von den rasant verbesserten Möglichkeiten der KI schwer begeistert sind und diese gern aufs höchst mögliche Level treiben. Überhaupt folgt das Storytelling auf Fairground TV nicht selten der Logik des Gamings: Immer wieder sind Kreaturen dabei zu beobachten, wie sie von Hauswand zu Hauswand, von (Auto-)Dach zu (Auto-)Dach hüpfen und sich wild durch die Gegend ballernd ihren Weg bahnen. Ob auf Flucht oder Jagd ist nicht immer sicher zu unterscheiden. Durchaus verständlich bei einer Generation von Kreativen, die mit Computerspielen groß geworden ist und für die Gaming kein Stahlbad sondern einfach Fun ist. Aber vielleicht sollte eine Programmverantwortliche ihnen sagen, dass Masse nicht gleich Klasse bedeutet und weil etwas geht, es noch lange nicht gut ist. Auch die Reduzierung auf schwarzweißes Bewegtbild garantiert noch keine cinematografische Qualität. Und ersetzt keine überraschenden Plots. Die sucht man auf Fairground TV vergeblich. Dafür gibt es – ebenfalls ausschließlich KI-generierte – Werbeblöcke, über die sich das Programm laut Anbieter finanziert. Kein Wunder also, dass beispielsweise der britische Guardian vor allem die geringe erzählerische Qualität und den beliebig wirkenden Mix der Formate kritisiert.

1000 Perspektiven, trotzdem kein Durchblick im Handlungsdickicht: Screenshot aus „The Sage“
In den USA gibt es Daumen runter vor allem für die immer noch mangelde Qualität des Bewegtbilds. Auf der Science und Technology News Plattform Futurism werden die Fairground-Filme weitestgehend als „low-grade output“ eingestuft. Aufgespießt wird eine vermeintlich mittelalterliche Dramaszene, deren Handlung wie auf dem Mond gefilmt wirke. Zuschauer reagierten online mit Spott und beschrieben die Inhalte als „unsettling“, also beunruhigend. Ausschlaggebend dafür: Im Vibe Coding scheint es immer noch schwierig zu sein, Augen blinzeln zu lassen und Menschen durchgehend eine konsistente Anzahl von Fingern zu verpassen. So fällt insbesondere in den Formaten, die menschliche Schauspieler ersetzen sollen, eine durchgehende Wattigkeit der Protagonisten auf, sie stürzen eher wolking und leicht verzögert, ihre Haare sitzen dabei zu akkurat und Gesichtsadern treten an Stellen hervor, an denen sie nichts zu suchen haben. Selbst die Flut der Perspektiven langweilt nach kurzer Zeit, weil der Blick durch den verwesenden Kadaver auf den Helden irgendwie auch nach Gummiadler aussieht. Dass die Lippensynchronisation nicht immer exakt ist, darf da fast als Kavaliersdelikt durchgehen.
Synthetik goes Mainstream

„We stole a UFO – Episode 1“ der AI-Filmemacherin Trisha Code ist Science Fiction-Comedy, in der quietschbunte Heldinnen auf triste Aliens, die „Greys“, treffen
So also der Stand der Dinge. Wo aber wird es hingehen in Sachen KI-TV? In diesem Sommer wurde Fairground TV von der Fox Corporation übernommen. Generierter TV-Content läuft also nicht mehr auf dem Underground Label, sondern ist Teil des größten globalen Medienkonzern-Majors. Der wird den synthetischen TV-Rummelplatz als Live-Labor nutzen, um zu testen, wie tolerant das Massenpublikum den Code-Formaten gegenüber ist, bevor es wieder ins Original-TV umswitcht. Entscheidend dafür dürfte sein, ob der Bedarf an den seichten Gefilden der TV-Unterhaltung wächst oder schwindet. Denn was ohne große Aufmerksamkeitsleistung beim Bügeln weggeguckt werden will, kommt ohne erzählerische Qualität aus, kann auf schnelle Gags setzen und verträgt technische Mängel. Menschen schauen schließlich auch stundenlang bereits mit hoher Reiz-Taktung produzierte TikTok-Videos und das nicht selten mit doppelter oder dreifacher Beschleunigung. Passen sich also unsere Sehgewohnheiten dem „low-grade output“ an oder wird unser Qualitätsanspruch wiedererweckt? Schließlich lieben Menschen doch vor allem eines: gute Geschichten.
Oder liebten sie sie einmal?

